A B B Y
Im Juni 2008 kam der Hilferuf des Tierschutzvereins, in dem ich als Pflegestelle tätig war: „Kannst Du morgen eine gelbe Labradorhündin übernehmen? Es wäre so sehr dringend, denn wir haben momentan keine weitere Pflegestelle frei! Sie muss sonst „da“ bleiben!“
Ich war total zerrissen, denn am selben Tag hatte mich gerade ein Pflegie verlassen. Die Tränen liefen noch und im Grunde war ich innerlich nicht bereit, sofort und nahtlos wieder eine Pflege zu übernehmen. Um diese Arbeit gut machen zu können, muss man innerlich einfach frei sein, um das Tier vorurteilsfrei und mit vollem Herzen annehmen zu können.
Dann bekam ich ein Foto der namenlosen Hündin und es zerriss mir und meinem Mann das Herz: Eine gelbe Labradorhündin. Eine dicke Kette um den Hals geschlungen. Der Hals schwarz verfärbt und das Tier völlig vernachlässigt. Die Ohren hingen ganz, ganz flach am Köpfchen und riesige Augen schauten in die Kamera. Augen, die mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagten…!
Eine kurze Unterredung mit meiner Familie und mit einem tiefen Seufzer machte ich mich auf den Weg zum Telefon. Verein anrufen: Okay – wir machen es! Wann und wo übernehme ich sie? Hat sie einen Namen? NEIN? Dürfen wir Sie Abby nennen? FEIN!
Die Namenswahl sollte später eine elementare Bedeutung gewinnen, denn Abby kommt von Abigail. Man kann es aus dem Hebräischen ableiten und dann bedeutet es so viel wie: Vaters Liebling!
Am nächsten Tag hatte ich eine Fahrt von rund drei Stunden vor mir, um Abby an einer Raststätte aus der Fahrkette zu übernehmen. Es war ein stickiger und heißer Sommertag. Mein Mann blieb daheim bei unseren beiden eigenen Hunden.
Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen: Das Hundebett gewaschen, eine zweite Bettstelle in unserem Schlafzimmer angelegt, Hundefutter gekauft, Wurmkur und Spoton schon besorgt und… Hundeshampoon natürlich auch bereitgestellt. Schleppleine und Geschirr wieder vorgeholt – uff! Geschafft!
Endlich gegen 15.00 Uhr sah ich dann Abby erstmalig. Oho – sie saß in einer Transportbox und „brüllte“ alles an, was sich um das Auto herum bewegte. Der erste innere Gedanke: Das ist mal ein anderes Kaliber als bisher…!
Abby wurde aus der Box geholt und ich ging mit meiner Vereinskollegin und dem Hund eine Runde laufen. Abby war ein Tönnchen auf vier Pfoten, aber irgendwie doch ganz brav. Sie machte fein Pipi und ab ging es wieder Richtung Auto. Ich hatte die Heckklappe meines Geländewagens geöffnet, damit die heiße Luft entweichen kann und schwupps, sprang Abby zu mir in den Wagen. Grinsend meinte meine Kollegin: Das geht gut – sie will mit Dir heim!
Die Rückfahrt wurde lang und warm. Abby bellte, was die Lunge hergab und… sie pupste ganz, ganz schrecklich. Also: Fenster auf und tief durchatmen. Schlechtes Futter! Der Vermehrer war so „freundlich“ noch eine Tüte mit auf den Weg zu geben. Ich hatte das Zeugs einfach mal ins Auto geschmissen.
Derweil rief mich mein Mann auf dem Handy an:“Na? Wie ist sie so?“ Alle Stoßgebete gen Himmel, dass Abby jetzt keine Bellattacke bekommt.
„Öhm? Wie soll sie sein? Wie alle Anderen auch: Sie stinkt zum Himmel, ist ungepflegt, hat Blähungen und kratzt sich in einer Tour!!
Es kam nur ein knappes „naja – ich mache mal das Bad klar…“!
Gegen 18.00 Uhr war ich endlich daheim. Abby ausladen, unsere Hunde in den Garten verfrachten und dann konnte die Zusammenführung erfolgen.
Abby interessierte sich überhaupt nicht für unsere Hunde Kara und Nori. Sie sprang mit riesigen Bocksprüngen in ihr neues Leben in Freiheit. Sie jagte wie eine Wahnsinnige durch den Garten, trank, machte Pipi und sprang immer wieder an uns hoch. Power pur! Sie sprang mit Vollgas auf den Gartentisch und überblickte ihr neues Revier!
Das Gesicht meines Mannes und meiner Tochter sprach Bände: Das kann ja heiter werden.
Wir hatten keine verängstigte Zuchthündin in Pflege, sondern ein Powerpaket. Dick wie eine Trommel und mit der Energie eines Panzers versehen!
Abby sah ziemlich schrecklich aus: Der Hals war völlig verfärbt von der Kette, die sie tragen musste. Der Bauch war riesig aufgedunsen. Die Unterseite des Bauches war total kahl. Sie stank ganz fürchterlich und ihre Krallen waren vermutlich noch nie geschnitten worden.
Wir hatten keinerlei Informationen über ihr Alter. Sie sollte nach Aussage des Vermehrers
2-3 Jahre alt sein.
Abby musste wohl viele Kämpfe hinter sich gehabt haben. An einem Ohr fehlt ein kleines Dreieck und die Lefzen sind von Narben übersät.
Angeblich hat sie mal in einer Familie mit Kindern gelebt und wurde dann dem Vermehrer übergeben. Also wieder mal ein Hund, der zu groß wurde und damit nicht mehr passend schien.
In meinem Kopf formte sich der Gedanke, dass diese Hündin vielleicht mal fröhlich ins Auto ihrer Familie gehüpft ist um vermeintlich eine tolle „Gassirunde“ zu drehen. Dann wurde sie einem Vermehrer übergeben und damit endete eine behütete, satte und geliebte Zeit. Ich hätte mal wieder nur schreien und heulen mögen. Mein Herz öffnete sich und ich wußte: Diese Pflegezeit ist völlig in Ordnung! Ich werde es packen – auch dieses Mal wieder!
Da Abby angstfrei zu sein schien, wurde der Badetag gleich eingeläutet. Die Maus genoss das warme Wasser, das Shampoon mit dem guten Kräutergeruch und die anschließende Pflege. Ohren reinigen (ekelig verdreckt, aber gottseidank keine Milben), Krallen schneiden, ausbürsten und Zähne reinigen und Spoton auftragen. Brav ließ sie alles mit sich geschehen.
Dann die erste Futtergabe. Abby bekam ein gutes Trockenfutter von uns, die Wurmtabletten und sie schlang wie verrückt. Eigentlich keine Besonderheit, aber Abby vollführte auf zwei Beinen ein kleines „Tänzchen“ am Napf und wir lachten Tränen.
Die erste Nacht war großartig: Madame schmiss sich mit Karacho in die Mitte unseres ohnehin nur schmales Ehebettes und blieb wie angenagelt dort liegen. Wir packten sie etwa 10x auf den Liegeplatz neben unserem Bett. Jedes Mal schrie Madamchen wie am Spieß. Nie habe ich einen Hund so schreien gehört. Völlig erschöpft schlief Abby dann endlich gegen 2.00 Uhr auf ihrem Platz ein.
Wir mussten um 7.00 Uhr aufstehen. Wir betreiben ein hundefreundliches Gästehaus und mussten das Frühstück für unsere Gäste vorbereiten. Als ich die Augen öffnete sah ich in zwei riesige braune Hundeaugen: A B B Y! Klammheimlich ist sie in der Nacht auf zarten Pfoten zu uns ins Bett gestiegen und lag nun lang zwischen uns. Unbemerkt und das in einem Bett von 1,40 m Breite! Mein Mann grinste breit: Na toll! Nun sind wir wohl zu dritt, oder?
Sofort nach dem Aufstehen gab Abby wieder Vollgas! Endlich hatte ich das Gästefrühstück fertig und mein Mann und ich wollten nun auch in etwas mehr Ruhe unsere erste Mahlzeit des Tages einnehmen. Die Hunde waren alle gefüttert und für uns ist es die ziemlich einzige Zeit des Tages, wo es noch ganz ruhig zugeht. Aber nicht mit Pflegie Abby! Mit Vollgas stand sie auf unserem Frühstückstisch und erbeutete ein halbes Brötchen. Es sollte weiß Gott keine einmalige Sache bleiben. Abby war und ist ein kleiner Eierdieb!
Die kommenden Tage waren geprägt von totaler Erschöpfung bei mir und nicht enden wollenden neuen Erfahrungen mit unserer Pflegehündin.
Wie für Zuchthündinnen nicht unüblich, war Abby eine Expertin im Flüchten. Dank unserer eigenen ehemaligen Vermehrerhündin Nori, war unser Garten eigentlich ein Hochsicherheitstrakt. Abby aber grub nicht! Nein! Sie sprang und zwar ungeheuer hoch und ungeheuer weit.
Unser Haus ist in einen Berg gebaut und unter unserer privaten Terrasse liegt etwa 4m tiefer unser Gästeparkplatz. Auf der Suche nach mir sprang Abby über unsere Balkonbrüstung von 1,30 Höhe, auf der auch noch Blumengästen verankert waren. Sie sprang also knapp 4m in die Tiefe und landete weich auf allen Pfoten auf dem Parkplatz. Ich sah sie aus meinem Bürofenster, wie sie vorbeisauste und mir drehte sich der Magen um. Als ich zur Tür rannte, kam mir Madame strahlend vor Freude und wedelig entgegen. Quietsch fidel und völlig unversehrt.
Am kommenden Tag kauften wir hohe Gitter und montierten sie auf der Terrassenbrüstung. Alle nur erdenklichen Stellen wurden erhöht und so hatte Abby endlich keine Möglichkeit mehr, Ausbrüche zu starten.
Abbys ärztliche Erstuntersuchung zeigte, dass sie total übergewichtig war, eine schwere Allergie hatte (darum keine Haare am Bauch) und die Analdrüsen völlig vereitert waren. Sie musste höllische Schmerzen gehabt haben! Außerdem machte ihre Schilddrüse Probleme, aber das ist bei ehemaligen Zuchthündinnen eher häufig zu finden und meist schnell behoben, nachdem man eine Weile entsprechende Medikamente verabreicht hat.
Aber ein wirklich großes Problem war Abbys Mimik, die uns jeden Tag Rätsel aufgab. Irgendwie war dieser Hund in Körperhaltung und Mimik völlig falsch gepolt.
Wenn ich mit ihr schimpfte, dann riss sie die Lefzen hoch und zeigt ihr absolut imposantes Gebiss auf der linken Seite. Trafen wir auf andere Hunde, fing Abby an zu schleichen, wie eine Raubkatze. Eigentlich ein Zeichen von Aggression, zumal sie stocksteif dabei wurde. Aber: Sie beobachtete lediglich. Alle Begegnungen mit fremden Hunden verliefen völlig entspannt und in ruhigem Fahrwasser.
Daheim lag Abby 80% des Tages auf dem Rücken und wollte geschmust werden. Sie presste ihren Kopf an unser Gesicht, leckte uns hingebungsvoll und schubste uns an, wenn wir aufhörten zu streicheln.
Ein sonderbarer Hund!
Ich telefonierte regelmäßig mit meiner Pflegestellenbetreuung. Einen solchen Hund hatte ich noch nie in Pflege und es gab viel zu lernen und so gestaltete sich die Vermittlung von Abby auch nicht gerade einfach. Sie sollte ein richtig tollen neues Zuhause bekommen!
Ich sah sie immer als Einzelhund in einer Familie mit Kindern. Kinder liebt Abby abgöttisch und sie ist mit den Kleinen sanft wie ein Engel.
Im Tierschutz werden ehemalige Zuchthündinnen aber in der Regel nur als Zweithund vermittelt.
So blieb Abby erstmal bei uns in der Pflegestelle und wir suchten mit dem Verein nach einem passenden Kompromiss.
Als Abby zwei Monate bei uns war, fiel mir auf, dass mein Mann eine sehr spezielle Beziehung zu ihr aufgebaut hatte. Er nahm sie bei jeder Gelegenheit in Schutz und Abby durfte jede Nacht bei uns im Bett schlafen.
Diese Hündin hatte meinen sonst so realistischen Gatten so um die Pfote gewickelt, dass es mir den Atem raubte.
Inzwischen kam Abby auch prima mit unseren beiden eigenen Hunden klar. Zu Nori hatte sie eine ganz, ganz enge Beziehung und wir sahen beide nur noch im Doppelpack. Dieses nannten wir scherzhaft “Mokka-Sahne“, so wie die Schokolade. Die braune Nori und die cremeweiße Abby machten ein hübsches, gemeinsames Bild.
Mein Mann hat im August Geburtstag und im Jahr 2008 wurde er 50 Jahre alt. Meine beste Freundin und ich witzelten ganz gehörig und irgendwann sagte mein Mann zu uns:“ Ich werde 50. Da braucht ein Mann eine knackige, junge Blondine…!“
Der Euro fiel bei mir nicht centweise: Das war eine klare Ansage!
Wir besprachen die Lage. Wir haben das Gästehaus und bereits zwei eigene Hunde. Wir würden vorerst nicht mehr pflegen können. Zumindest solange nicht, bis Hund Nummer drei endgültig integriert ist. Es kommen zahlreiche Kosten auf uns zu. Abby brauchte noch immer Medikamente und zudem relativ teures Diätfutter. Hundesteuer und… und… und!
Am 18. August 2008 bekam mein Mann Abby zum Geburtstag. Mit einer dicken roten Schleife um den Hals. Eine knackige und junge Blondine nahm den Platz in unserer Familie ein. Abby war endgültig angekommen.
Die Zeit seither war nicht immer ganz leicht.
Abby raubt noch immer Lebensmittel und das mit großer Perfektion. Sie zieht noch immer die Lefzen hoch, wenn wir schimpfen. Aber heute wissen wir, dass es so eine Art „schiefes Grinsen“ ist, mit der Bitte um Verzeihung. Jede Nacht ab genau 4.00 Uhr liegt Abby in unserem schmalen Bett. Sie riecht dann wie ein schlafwarmes Baby und seufzt tief und kuschelt in unseren Armen. Für Nori ist sie zu einer Lehrmeisterin in Sachen Zärtlichkeit und Vertrauen geworden. Mit Kara stöbert sie draußen zu gern rum. Für meinen Mann ist Abby der Herzenshund schlechthin.
Sie ist das, was man einen „Filmhund“ nennen würde: Immer sanft, vorzeigbar, verträglich und nur einfach… Abby! Sie lässt sich gern anziehen und schmücken. Sie macht jeden Jux mit. Sie ist unendlich zärtlich und wenn ich in ihre riesigen Teetassen-Augen schaue, kann ich darin versinken. Wenn sie in meinem Arm liegt, genüsslich seufzt und mit mir schmust, dann vergesse ich jedes Problem und jeden Stress. Sie ist vollkommen unproblematisch.
Unsere Gäste lieben Abby sehr und selbst ganz, ganz arg ängstliche Menschen streicheln sie, die sich sofort auf den Rücken wirft und einfach nur lieb ist.
Sie ist eine Zuchtündin, die gottseidank kaum sichtbare psychische Narben trägt. Vielleicht ist ihre so extreme Menschenbezogenheit, ihre endlose Liebe und ihre so eigene Zärtlichkeit ein Ausdruck des neuen Vertrauens in „ihre“ Menschen.
Eine kleine Bürde, denn dieses Vertrauen darf niemals und unter keinen Umständen missbraucht werden.
Abby ist noch heute ängstlich, wenn wir nicht in ihrer Nähe sind. Aber: Sie sucht dann Anschluss an unsere Nori, die ihr die notwendige Sicherheit und das Vertrauen gibt.
Jeden Tag bin ich dankbar dafür, dass Abby keine verlorene Seele ist. Dass sie lebt, liebt und glücklich ist. Vor einigen Tagen haben wir erfahren, dass sie nicht mehr so jung ist, sondern vermutlich eher 6-7 Jahre. So hat mein Mann nun eben eine reifere Blondine und da wir um die Vergänglichkeit der Zeit wissen, nutzen wir die gemeinsamen Tage mit unseren Hunden nun noch ein wenig mehr, als ohnehin schon. Wir haben Dich sehr, sehr lieb „kleine“ Abby! Du wirst immer unsere „Kleine“ sein und auch bleiben…
copyright © 2010 by Daniela Koppenhöfer